Der Fechtmeister

EKKEHARD, Familien- und regionalgeschichtl. Forschungen, Hallische Familienforscher, Neue Folge 8 (2001) Heft 2, S. 56ff

Der Fechtmeister

(August Theodor Heinrich Eberhardt, geb. 2. 7. 1855, gest. 20. 1. 1928)

Mein Urgroßvater August Theodor Heinrich Eberhardt ist am 2. Juli 1855 in Arnstadt/ Thüringen als Sohn des Zeugschmiedemeisters August Eberhardt und dessen Ehefrau Johanne Friederike, geborene Weisheit, zur Welt gekommen[1]. Er hat am 20. Juni in Oberröblin­gen am See Clara Johanna Liebscher, die Tochter des Pfarrers Friedrich Heinrich Franz Liebscher und dessen Ehefrau Clara Auguste Maria Nathusius geheiratet[2]. Dieser Ehe entsprangen sie­ben Kinder[3]. Mein Urgroßvater ist ge­storben am 20. Januar 1928 in Köln in der Wohnung Zugweg 12[4], die auch meine Mutter noch als Wohnung seiner Witwe, der Urgroßmutter Jo­hanna, gekannt hat. Die Urgroß­mutter hat ihren Mann, der mit 72 Jahren starb, weit über­lebt. Ich selbst als Vierjäh­rige habe sie noch gesehen im Haus meines Großvaters von Me­ring in der Bismarckstr. 3 im heutigen Kölner Stadtteil Rodenkirchen. Sie starb[5] im für unse­re Familie schrecklichen Jahr 1944, wenige Monate nach ihrem Schwie­ger­sohn Carl, meinem Großvater, und wenige Monate vor ihrem Enkel Eberhard von Me­ring, meinem Vater.

Obwohl ich meinen Urgroßvater Heinrich Eberhardt nie gesehen habe, ist er mir lebhaft gegenwärtig durch die große Anzahl guter Fotos, die es von ihm gibt. Es sind nicht nur die auch sonst üblichen Atelierfotos vom Anfang unseres Jahrhunderts. Nein, er war selbst ein begeisterter Fotograf  und traf sich in dieser Leidenschaft mit seinem Schwiegersohn Carl von Mering, dem Bildhauer. So kenne ich Heinrich in heiteren und ernsten Posen, als übermütigen Aus­flügler, als behaglichen Trinker, als Zeitungsleser, als Vater und Schwiegervater, als zärtli­chen Groß­vater. Leider habe ich kein einziges Bild von ihm in seinem Beruf: kein einziges Foto des Ei­senbahnsekretärs, des Eisenbahn-Hauptkassen-Rendanten in seinem Büro, am Schreibtisch oder Stehpult. Es gibt auch keine Zeugnisse oder Urkunden, die sei­nen beruflichen Werdegang ir­gendwie belegen. Aber es steht fest, daß er regelmäßig gear­beitet hat und als Eisenbahn­amtmann in den Ruhestand ging. Er hat 1881 in Köln-Deutz in der Hein­rich-Str. 12 ge­wohnt, spätestens seit 1890 in Köln-Ehrenfeld in der Gutenbergstr. 78, seit Anfang des Jahres 1912 in Bromberg in der Boiestr. 6/III, ab Dezember 1915 in Berlin-Wil­mersdorf, Wei­marische Str. 20 I und ab 1922 wieder in Köln, dann schon im Zugweg 12.

Außer den guten Schwarzweißbildern gibt es einige Andenken an meinen Urgroßvater Heinrich Eberhardt. Das schönste ist ein Schreibtischstuhl, den jetzt sein Ururenkel Jens Lippold in Besitz hat[6] und auf dem eine Plakette angebracht ist, auf der steht: "Ihrem hochverdienten Vorsitzenden Herrn Heinrich Eberhardt Verband Rheinland der Deutschen Reichsfechtschule, Köln, 29. Oktober 1911." Dann gibt es ein Fotoalbum[7] mit Bildern eines Waisenhauses samt den darin lebenden Kindern, deren Erzieherinnen und Erziehern mit der goldgeprägten Widmung: "In dankbarer Verehrung dem scheidenden Freunde Herrn Hein­rich Eberhardt gewidmet vom 5. Reichswaisen­hause zu Niederbreisig a. Rh. Der Vorstand" und dann folgen 17 Unterschriften, fünfzehn männliche und zwei weibliche.

Außerdem ist ein goldgerandeter Brief ins Buch eingeklebt, der folgendermaßen lautet:

V. Reichswaisenhaus                                   Niederbreisig, den  21. Nov. 1911     ----------------------     Protektor: Se.Durchlaucht Friedrich   Fürst zu Wied

Sehr geehrter Herr Eberhardt!Dem Vorstande des 5. Reichswaisenhauses ist es eine liebe Pflicht, Ihnen bei Ihrem Scheiden neben den gewöhnlichen Abschiedsgrüßen auch ein kleines Zeichen der Erinnerung mit­zugeben. Wir haben für diesen Zweck nichts Schöneres finden können, als eine Sammlung von Gedenkblättchen des Heimes und der Kinder, denen Ihre treue unermüdliche Liebesar­beit galt. Möchten diese Blättchen Sie oft erinnern wohl auch an Tage der Arbeit und Mü­hen, aber mehr doch an Tage der Freude über das herrliche Gelingen Ihres Liebeswerkes und das prächtige Aufblühen unseres "Schlößchen am Rhein". Die Erinnerung eines reinen Glücks bleibt so schön wie die Gegenwart.Mit der Zusicherung, Ihrer stets in Treue zu gedenken, begrüßt Sie aufs herzlichste

Der Vorstand des 5.Reichswaisenhauses zu Niederbreisig a./Rhein

Und es gibt einige Briefe[8], der älteste aus dem Jahr 1902, die eine Korrespondenz meines Urgroßvaters mit der Oberfechtschule Magdeburg und dem Verband Rheinland der Deutschen Reichsfechtschule zum Inhalt haben, darunter einen vom 4. Juni 1915, worin sich mein Urgroßvater für Glückwünsche zum "25 jährigen Fechtmeister­jubiläum" bedankt.

Das alles beflügelte meine Phanthasie. Mein Urgroßvater nicht nur Eisenbahnbeamter, sondern Fechtmeister! Geehrtes Mitglied in einem offenbar deutschlandweit verbreiteten Verein, der außer dem Fechtsport die Wohltätigkeit pflegte! Wie konnte er Zugang gefunden haben? Ich wußte doch, daß sein Vater, der junge Zeugschmiedemeister August Eberhardt in Arn­stadt schon am 31. Juli 1857 "an Krämpfen" gestorben[9] war, daß seine Mutter als Waschfrau den Unterhalt für sich und ihre beiden Kinder verdiente. Und wenn auch der Großvater väterlicherseits, der Gartenarbeiter Heinrich Eber­hardt,  noch bis 1869 lebte[10], und der Großvater mütterlicherseits, der Maurer Heinrich Weis­heit, sogar noch bis 1879[11], und beide vermutlich ihren Enkel nach Kräften un­terstützten, so würden die beiden ihm doch kaum Fechtunterricht haben geben lassen! Ich war also auf der Suche nach einem hochgestellten Gönner, der dem begabten Buben aus Arnstadt die Eisen­bahn- und die Sport­karriere eröffnete.Doch wie sollte ich diese Suche betreiben? Wie riesig erscheint der Graben zwischen 1994 und 1870, wenn es um die Ausbildung eines x-beliebigen Menschen in einer thüringischen Mittelstadt geht! Die Reichswaisenhäuser gibt es längst nicht mehr. Die Stadt Niederbreisig hat kein Archiv, keinen Lokalhistoriker, der mir sagen könnte, wo die Männer geblieben sind, die 1905 das "Schlößchen am Rhein" erbauten. Zwar steht das eigenwillige Haus noch unversehrt und dient als Ärztehaus, aber seine Geschichte interessiert niemanden.

Der Fechtsport war also der einzige Hinweis. Und zum Glück gibt es einen Dachverband, den Deutschen Fechter-Bund in Bonn, an den ich am 21. Oktober 1994 folgende Bitte schrieb: "Wenn der Deutsche Fechterbund ein Archiv seiner Geschichte besitzt, nennen Sie mir doch, bitte, die Adresse. Wenn es jemanden unter Ihnen gibt, der sich privat mit der Geschichte des Reichsfechtverbandes befaßt, möchte ich gerne mit ihm korrespondie­ren."Die Odyssee meiner Anfrage ist eine Geschichte für sich. Alle Achtung vor den Fechtern! Der Fechter-Bund zog die Deutsche Sporthochschule Köln und die Akademie der Fechtkunst Deutschlands hinzu und legte mir Kopien seiner Briefe an diese beiden wissenschaftli­chen Instanzen bei. Professor Manfred Lämmer von der Sporthochschule bat seiner­seits Prof. Heise in Magdeburg und das Deutsche Sportmuseum in Köln um Hilfe. Prof. Heise antwortete mir, daß es zumindest eine Diplomarbeit über die Geschichte des Fecht­sports in Deutschland im Stadtarchiv Magdeburg gebe. Der Präsident der Akademie der Fechtkunst Deutschlands, Mike Bunke, antwortete mir, daß er meine Anfrage im nächsten Mitglieder­schreiben der Akademie veröffentlichen wolle, "da so mancher alte Fechtmeister in der Lage sein dürfte, Ihre Fragen zu beantworten." Das erfuhr ich am 23. Mai 1995. Geduld gehört zu den Voraussetzungen des Familienforschers. Hoffnung auch, obwohl ich den Weg über "alte Fechtmeister" für wenig erfolgversprechend hielt. Mein Urgroßvater hätte doch zwischen 1870 und 1880 aktiv sein müssen! Da haben auch heute sehr alte Fechtmeister noch nicht gelebt.

Aber es geschah etwas für mich Wunderbares. In der Ausgabe August 1995 der Broschüre "Fechtkunst" der Akademie erschien meine Anfrage. Und am 7. September 1995 antwortete mir Dipl.-Fechtmeister Lothar Rubenbauer. Er hatte über die Geschichte der Fechtkunst einen Aufsatz[12] geschrieben, den er mir in Kopie sandte. Darin legt er dar, wie der Übergang vom Degen zu den Schußwaffen gegen Ende des 17. Jahrhunderts große Scharen von Fechtmeistern arbeitslos machte, so daß sie in kleinen Gruppen über die Dörfer zogen, wo sie versuchten, mit Vorführungen und Schaugefechten ihren Lebensunterhalt zu finden. Daraus entstand der im Volksmund noch bis vor wenigen Jahren gebräuchliche Ausdruck "Fechten" für Bettelei und Landstreicherei. Lothar Rubenbauer wußte, daß in den Reichsfechtschulen, die zwischen 1880 und 1933 bestanden, nie das Waffenhandwerk geübt worden war. Vielmehr waren die Fecht­schulen Bettelvereine zugunsten von Waisen! Sie sammelten aus kleinen Spenden ("Einen Pfennig nur im Jahr für das Waisenhaus in Lahr") und Altmaterialverkäufen das Kapital für die Reichswaisenhäuser.

Inzwischen weiß ich eine Menge über den Gründer der Oberfechtschule Magdeburg, Heinrich Nadermann, der, selber Waise und als städtischer Armenpfleger in Magdeburg mit dem Elend staatlicher Waisenpflege vertraut, in den Jahren um 1880 die Idee zum Bau dieser Reformwaisenhäuser hatte[13]. Nadermann kommt aus der Freimaurer-Loge Magdeburg. Die witzige Art, einen Wohltätigkeitsverein als Fechtschule zu gründen und erfolgreiche Mitglieder zu Fechtmeistern zu ernennen, erinnert ja an Logen­brauch. Es gehörte zu Heinrich Nadermanns Grundsätzen, das Geld von "fröhlichen Leuten" zu erbitten[14]. Und er verbreitete seine Idee über Berufsverbände: Versicherungsagenten, Postsekretäre, Bahnbeamte. Man saß abends beieinander, trank eins und "focht": 1 Pfennig von zwei Bieren, die man im Verein mit Fechtbrüdern und -schwestern trank, 10 % vom Gewinn beim Kartenspiel. Jeder neugewonnene Fechtschüler mußte 20 Pfennig als Eintritt geben und versprechen, 10 Pfennig pro Jahr als Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Wer 10 (später 20) Fechtschüler für die Organisation gewonnen hatte, wurde Fechtmeister. Wer 10 Fechtschulen zusammenbrachte, war Hauptfechtmeister oder -meisterin. Die Namen der Fechtmeister und alle erbettelten Einzelspenden wurden in der "Zeitschrift für vaterländische Waisenfürsorge" veröffentlicht. Ausflüge, Regionaltreffen und Reichstreffen der Fechter erhöhten den Zusammenhalt. Es war eine gesellige, spielerische Art, Gutes zu tun. Und man brachte wirklich Hunderttausende von Goldmark zusammen und baute  insgesamt sieben Reichswaisenhäuser. Sie boten eine für damalige Zeit ungewohnte Behaglichkeit - ein elegantes Haus, helle, hohe Räume, einen großen Nutzgarten mit Spielplätzen, eigene Tiere. Wichtiger noch war eine neue Pädagogik mit ganzheitlicher Förderung des einzelnen Kindes. Es gab keine Anstaltskleidung, Jungen und Mädchen verschiedenen Alters und verschiedener Konfession wuchsen miteinander auf, besuchten öffentliche Schulen, bekamen Geschenke und Kinderfeste wie in einer Familie.

Das 1. Reichswaisenhaus war das in Lahr/ Baden, das 2. entstand 1885 in Magdeburg, das 3. 1886 in Schwabach bei Nürnberg, das 4. 1899 in Salzwedel in der Altmark. Die Städte bewarben sich regelrecht um diese Waisenhäuser, stellten umsonst Grundstücke  zur Verfügung. Und offenbar war es für jeden Landesverband Ehrensache, ein eigenes Reichswaisenhaus zu unterhalten. Das alles erforderte natürlich eine Verwaltung, die ehrenamtlich geleistet werden mußte. Da mag das Verdienst meines Urgroßvaters gelegen haben. Als Mann der Buchhaltung konnte er den Fechtern nützen. 1890 war er Fechtmeister geworden, 1905 wurde das 5. Reichswaisenhaus in Niederbreisig eröffnet und man übergab ihm als bedeutendem Förderer den Schlüssel, 1909 war er Vorsitzender im Verband Rheinland der Deutschen Reichsfechtschule. Seine Söhne und Töchter, sein Schwiegersohn Carl waren ebenfalls Fechtmeister. "Ich bete an die Macht der Liebe", dieser Choral von Gerhard Terstegen[15] war Heinrich Nadermanns Bekenntnis.  Er wurde auch bei seiner Beerdigung in Meßdorf am 11. Mai 1907 vom Chor des Reichswaisenhauses Salzwedel gesungen. Und noch einmal erklang der Choral, begleitet von der Musikkapelle des Ulanenregiments Hennigs von Treffenfeld in Salzwedel, als am 19. April 1908, dem 1. Ostertag, das Denkmal für den "Fechtvater" enthüllt wurde.

Mein Großvater Carl nahm an dieser Enthüllung teil. Das beweist eine Postkarte aus Meßdorf an die damals jungverheiratete Großmutter in Köln. Das Denkmal hatte mein Großvater von Mering aus bayrischem Muschelkalk gefertigt und mit einem Broncerelief von Nadermanns Büste geschmückt. Es steht bis heute nahe bei der alten Meßdorfer Kirche. 1993 fand dort eine "Nadermann-Ehrung" statt. Mein Urgroßvater hingegen besuchte im August 1907 zusammen mit seiner Frau die Witwe Nadermanns in Meßdorf, wie aus einer Karte meiner Großmutter an ihre Eltern dort hervorgeht. Der Zusammenhang mit den Nadermanns war also sehr persönlich und eng.

Am 6. September 1911 schreibt Heinrich Eberhardt folgenden Brief an den Wirklichen Geheimrat Dr. Hamm in Bonn:

Ew. Excellenz gestatte ich mir die Anlagen mit der Bitte ehrerbietigst zu überreichen, dieselben  geneig­test vollziehen zu wollen. Für baldige Rückgabe wäre ich besonders dankbar.Wenn ich gewußt hätte, daß ich Ew. heute ange­troffen haben würde, so wäre ich persönlich nach Bonn gekommen. Ich möchte Ew. Excellenz die Nachricht nicht länger vorenthalten, daß ich kürzlich vom Rechnungsdirektor gefragt worden bin, ob ich bereit wäre, die Haupt­kassen-Rendan­tenstelle in Bromberg, die demnächst frei würde, anzunehmen. Ich habe ja gesagt und nun weiß ich nicht, ob ich unserm Verbande gegenüber wirklich recht gehandelt habe mit dieser Antwort. Gerade jetzt, wo der Aufschwung wieder ein bedeutender ist, fällt es mir schwer, zu scheiden.Ich hoffe immer noch, da ich in Bezug auf meine eigene Person zeitlebens Pech gehabt habe, daß auch dies Mal ein solches eintritt u. daß ich mit dem bloßen Schrecken davon komme. Sollten Ew. Excellenz in der ersten Zeit einmal nach Köln kommen u. bei der Gelegenheit ein Viertelstündchen für mich übrig haben, so wäre ich dafür sehr dank­bar. Mit aller Hochachtung und herzl. Gruß Ew. Excellenz sehr ergebener H. Eberhardt

Dieser Brief ist nicht leicht zu verstehen. Heinrich Eberhardt bedient sich einer "geschlossenen" Sprache, wie sie unter Eingeweihten üblich ist. Vielleicht gehört auch das zum Logenbrauch. Offenbar hat er Schecks ausgeschrieben, die von einem hochgestellten Mitglied der Fechtschule voll­zogen werden müssen. Außerdem beschreibt er einen Konflikt zwischen seinem beruflichen und seinem ehrenamtlichen Leben: Mein Urgroßvater soll bei der Eisenbahn befördert und zugleich versetzt werden. Er fühlt sich aber der Fecht­schule gegenüber moralisch verpflichtet, so sehr, daß er sich fragt, ob er sein berufliches Fortkommen nicht den Interessen des Verban­des hätte unterordnen müssen. (Die Passage: "da ich in Bezug auf meine eigene Person zeitlebens Pech gehabt habe" zeigt, daß die Hauptkassen-Rendantenstelle in Bromberg eine wesentli­che Beförderung bedeutet.)

An der umgehenden Antwort von Dr. Hamm sehe ich, daß auch er die Sa­che wichtig nimmt und bereit ist, Heinrich bei der Bewältigung dieses Konfliktes zu helfen.

Bonn 27.Sept.1911, Curtiusstr. 8

Sehr geehrter Herr Eberhardt.Hierbei die Schreiben vollzogen zurück. Es tut mir sehr leid, daß Sie möglicher Weise von hier fort kommen. Aber Sie konnten nun ja wohl nicht an­ders, als Ja sagen. Ich komme Samstag nächster Woche am 7. Oktober dorthin zur Einweihung des neuen Oberlandesgerichts und bitte Sie um 20 Mi­nuten vor 6 Uhr Abends in die Rathsstuben des Gürzenich un­ten rechts zu kommen. Ich habe dann, da das Festessen im Gürzenichsaal um 6 Uhr be­ginnt, 1 Viertelstündchen Zeit. Vielleicht könnte ich dann bei dem Festessen mit Herrn Minister Brei­denbach, der voraussichtlich als Chef der höchsten Baubehörde auch an der Einweihung und dem Festessen teilnimmt, über Ihre Angelegenheit sprechen. Herzlichen Gruß Ihr ergebenster Hamm

Nach diesem Text scheint es, als sei auch der Minister Fechter gewesen. Wie in den Logen sind in der Reichsfechtschule ranghohe Personen des öffentlichen Lebens freundschaftlich integriert, ohne daß die gesellschaftlichen Unterschiede aufgehoben wären.Natürlich geht Heinrich Eberhardt als gehorsamer Beamter Ende 1911 nach Bromberg in Westpreußen. Und natürlich ist er weiter für die Reichsfechtschulen tätig. Nach der Festschrift zur "Nadermannehrung in Meßdorf 1993" von Uwe Lenz wurde das 6. Reichswaisenhaus am 14. Juni 1914 in Bromberg eingeweiht. So ist vielleicht mein Urgroß­vater auch bei der Gründung des Bromberger Hauses beteiligt gewesen.

Sein Brief vom 24. Juni 1915 aus Bromberg, in dem er sich für die Glückwünsche zum 25jährigen Fechtmeisterjubiläum bedankt, zeigt Sorge und Resignation. "Daß ich unwandelbar treu zu unserer Sache stehen werde bis an mein Lebensende, brauche ich Ihnen nicht zu versichern. Aber es tut weh, wenn man nicht so schaffen kann, wie man gern möchte." Damit spielt er wohl auf seine bevorstehende Versetzung nach Berlin an. Bromberg wird als Sitz der Bahnverwaltung aufgegeben. Die Zukunft des neu erbauten Waisenhauses ist unsicher. Am Ende des Krieges "geht es der Deutschen Waisenhausbewegung verloren", wie Uwe Lenz sich ausdrückt. Oder fühlt Heinrich sein Alter? Er ist ein Mann von 60 Jahren. Sein jüngerer und besonders geliebter Sohn Rudolf ist in den ersten Kriegsmonaten gefallen. Dabei ist gerade jetzt eine "Zeit, die so ganz dazu angetan ist, alle unsere Fechter auf dem Plan zu sehen." Hier denkt er sicher an die zahllosen Kriegswaisen.

Sieben Jahre arbeitet mein Urgroßvater noch in Berlin. Am 16. September 1921 schreibt er an die Oberfechtschule in Magdeburg:

Ich gebe Ihnen auch heute gern von Neuem die Versicherung, daß ich weiterhin für unsere  edle, mir ans Herz gewachsene Sache tätig sein werde, soweit es meine Verhältnisse und meine schwachen Kräfte gestatten, denn ich kann mir ein Leben ohne Sorge für unsere armen Waisen nicht vorstellen.Es fällt mir zwar schwer, an den Rhein zurückzukehren, den ich vor etwa 10 Jahren  noch als freien deutschen Rhein zurücklassen  konnte. Aber meine Kinder halten es dort aus, meine alten Freunde u. Mitarbeiter ebenso und so denke ich und meine liebe Frau mit mir, daß wir  trotzdem dort jetzt anderer Luft wohl es ebenfalls aushalten werden.

Und an den Verband der Mark Brandenburg schreibt er am 4. Januar 1922:

Mit dem lieben Schreiben vom 19. d. Mts. haben Sie die Güte gehabt, mir mitzuteilen, daß Ihr Verband mich zu seinem Ehrenmitgliede ernannt hat. Sie haben mir mit diesem Entschluß eine übergroße Freude bereitet u. eine ungeahnte Ehre zuteil werden lassen, für die zu danken mir wirklich  die Worte fehlen. Die Ehre, dauernd mit Ihnen verbunden zu sein, wird mit dazu beitragen mich auch fernerhin anzuspornen, für unsere Waisen zu tun, was in meinen Kräften steht. Davon dürfen Sie überzeugt sein.

Aus diesen Worten schließe ich, daß er auch die Gründung des 7. und letzten Reichswaisenhauses, das in Halle/Saale in der Krausenstr. 14 am 6. Dezember 1925 eingeweiht wurde, noch fördernd begleitet hat. 1928 stirbt er - da hatten die Reichsfechtschulen bereits wieder ein schönes Kapital angesammelt. Das Ende der Fechtschulen, die, so muß ich nach dem Ende der Logen vermuten, sich 1933 unter massivem Druck "selbst auflösten", und den Übergang der Reichswaisenhäuser in "staatliche Hände" mußte er nicht mehr erleben. Von meinen vier Urgroßvätern kenne ich Heinrich Eberhardt am besten. Sein bewegliches Mienenspiel ist mir durch zahlreiche Fotos vertraut, ich habe Briefe und Karten von seiner Hand, die einen pfiffigen Humor und große Zärtlichkeit verraten. Er war sehr fleißig und auch erfolgreich. Sein Leben hatte einen positiven Trend: aus armer Jugend ging es bergan in behagliche Verhältnisse. Er hatte offenbar die Gabe, sich zu freuen, Vorteile zu genießen. Und er verschwieg nicht, wenn er niedergeschlagen war. Seine Familie bedeutete ihm viel. Er hatte Hobbies. Er pflegte sein Ehren­amt, das ihm Gelegenheit zu Kontakten über die Nachbar­schaft und Verwandtschaft hinaus gab. Sicher war er zu Hause ein Patriarch, der von allen respektiert sein wollte, aber einer von der gutmütigen Sorte. Das beweist Urgroßmutter Jo­hannas selbstbewußtes Lächeln. Rund 50 Jahre war er bei der Eisenbahn. Ausgehend von Arnstadt in Thüringen, ist er viel in Deutschland herumgekommen. Als Eisenbahner fuhr er umsonst. Doch das beste, was man über ihn sagen kann: er ist Fechtmeister gewesen.



[1] Auszug aus dem Ev. Kirchenbuch Arnstadt

[2] Auszug aus dem Ev. Kirchenbuch Oberröblingen am See

[3] handschriflicher Stammbaum und Familienerzählung, zum größten Teil durch Kirchenbuchauszüge von Deutz und Ehrenfeld  belegt

[4] Sterbeurkunde Nr. 57 vom 20. Januar 1928: gestorben am 20. 1. 1928, 72 Jahre alt

[5] Sterbeurkunde Nr. 237/ Köln IV vom 2. Mai 1944 und Todesanzeige vom 1. Mai 1944: gestorben am 1. 5. 1944, 88 Jahre alt.

[6] in der Dorothea-Erxleben-Straße 24 A in 23843 Bad Oldesloe

[7] in meinem Besitz

[8] in meinem Besitz, im Quellenordner. Daß der Briefwechsel auch Briefe meines Urgroßvaters enthält, erkläre ich mir dadurch, daß er die Entwürfe aufgehoben hat. Möglich wäre auch, daß bei Auflösung der Reichsfechtschulen man ihm diese persönliche Korrespondenz wieder aushändigte.

[9] Auszug aus dem Ev. Kirchenbuch Arnstadt

[10] Auszug aus dem Ev. Kirchenbuch Arnstadt

[11] Auszug aus dem Ev. Kirchenbuch Arnstadt

[12] Das moderne Fechten und sein Weg aus der Vergangenheit, Teil II, veröffentlicht in FCW-Rundbrief, Dezember 1993

[13] neben den Unterlagen, die Lothar Rubenbauer mir schickte, stütze ich mich vor allem auf den Aufsatz von Uwe Lenz, Bürgermeister von Meßdorf in der Altmark: "Der Fechtvater Heinrich Nadermann 1835 - 1907, Festschrift zur Nadermannehrung 1993". In Meßdorf verbrachte H. Nadermann seinen Lebensabend. Dort ist er auch begraben.

[14] Die folgenden Einzelheiten fand ich in Rep C 20 I b Nr. 3720 und 3748 und 3764  im Magdeburger Landeshauptarchiv

[15] Evangelisches Gesangbuch von 1994, Nr. 615

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