Die Ehlert-Saga
Die Ehlert–Saga erzählt die Herkunft einer meiner Urgroßmütter, der Kaufmannstochter und Offiziersfrau Martha Ehlert, verheiratete Behn. Es ist die Saga von Leuten ohne Berufstradition, ohne Ortstradition. Die Ehlerts, ihre Verwandten und Nachkommen waren anscheinend Menschen, die eine sich bietende Gelegenheit zu ergreifen wussten – es scheint mir aber auch, dass sie jede sich bietende Gelegenheit ergreifen mussten, weil sie selten eine sichere Ausbildung erhielten. Ehlert soll in Ostpreußen ein sehr häufiger Name sein. Meine Ehlerts sind anscheinend nach der zweiten Polnischen Teilung erst nach Westpreußen eingewandert, möglicherweise als preußische Soldaten oder kleine Händler. Es hat etwas Verwunderliches, dass ausgerechnet Martha Ehlert, die Nachkommin dieser bescheidenen Familien, die reichste meiner vier Urgroßmütter gewesen ist.
Viel weiß ich nicht über diesen Stamm. Der Spitzenahn ist Joseph Ehlert, geboren etwa um 1780, wahrscheinlich in Pommern oder Brandenburg. Nach seinem Beruf, Stadt-Chirurgus in Rastenburg/Ostpreußen von 1808 bis 1819, vermute ich, dass er als junger Mann Feldscher im preußischen Heer gewesen ist. Schon vor 1808 hat er sich an unbekanntem Ort mit Marie Reimann verheiratet. In Rastenburg lässt das junge Paar mehrere Kinder taufen. Nach dem Tod von Marie heiratet Joseph 1813 die junge Dorothea Amalie Eggert, eine Gutsbesitzerstochter. So ist es jedenfalls überliefert, aber ich habe ihre Eltern nicht finden können, weil der Traueintrag im Kirchenbuch fehlt. Von ihr hat er drei lebende Kinder, eins davon ist unser Ururgroßvater Otto Konrad Ehlert, der Getreidekaufmann in Königsberg, geboren am 28. 1. 1819 in Rastenburg, gestorben am 14. 9. 1888 in Königsberg. Des Getreidekaufmanns Frau wurde Helene Ottilie Guthzeit, eine Offizierstochter, deren Vater in Königsberg lebte als „Particulier“. Sie soll am 19. 12. 1833 in Bialutten, Krs. Sensburg geboren sein. Ihre Mutter soll Johanna Krause geheißen haben und die zweite Frau des Karl Guthzeit gewesen sein, der in erster Ehe, man höre und staune! geschieden war. Auch die Mutterstämme der Ehlerts reichen nicht weit. Aber das kann auch daran liegen, dass die Kirchenbücher von Ostpreußen nur mühsam gerettet wurden und oft lückenhaft sind.
Karl Guthzeit wurde immerhin zweiundsiebzig Jahre alt. Seine Tochter Helene Ottilie, die den reichen Getreidekaufmann geheiratet hatte, wurde zweiundachtzig Jahre alt. Das schwere Unglück, dass ihr Mann 1887 Konkurs anmelden musste und sich 1888 im Gefängnis das Leben nahm, hat sie wohl hauptsächlich durch die Treue ihrer älteren Schwester überlebt. Diese Schwester Laura Guthzeit hatte, ebenfalls in Königsberg, den jungen Ludwig Friedländer geheiratet. Er war Jude. Um 1880 war er ein bekannter Professor für Kunstgeschichte an der Universität Freiburg/Br. Zusammen mit ihrer hässlichen, aber klugen und tüchtigen Tochter Klara Ehlert zog Helene in die Nähe von Schwester und Schwager. Dort konnten die beiden Frauen als Erzieherinnen von Mädchen eine kleine „Pension“ aufmachen. Helene wies in die Feinheiten des bürgerlichen Haushalts ein, Klara unterrichtete. Klaras Vetter Paul Friedländer wurde Professor für Chemie und die Kusine Charlotte Friedländer heiratete Georg Dehio, der ein noch bekannterer Kunstgeschichtler wurde als ihr Vater. Nur beim jüngsten Kind Friedländer kam die Neigung zu Leichtsinn, die dem Guthzeit-Stamm anhaftet, wieder zum Tragen: Konrad Friedländer brannte mit einem Londoner Ladenmädchen durch!
Von den Nachkommen der Ehlerts erzählte meine Großmutter mit Kopfschütteln: in ihren Augen waren die meisten „verkrachte Existenzen“. Wie weit das daran lag, dass Großmutter ihre Mutter nicht leiden konnte, den Vater dagegen liebte, weiß ich nicht. Die schönen alten Haushaltsgegenstände, die ich geerbt habe, stammen jedenfalls sämtlich aus der Mitgift meiner Urgroßmutter Martha Behn. Und diese Mitgift hat schließlich der Getreidekaufmann Otto Ehlert in Königsberg verdient und ihr 1880 mit in die Ehe gegeben.
