Sagas der Herkunftsfamilien

Aus von Mering
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Wie ordne ich meine Familiengeschichte?

Eine vergnügliche Sache ist das Forschen nach den Vorfahren. Manchmal merke ich, dass ich weiter gar nichts will: wissen, wer sie waren, wo sie lebten und ihr Lebensgefühl nachempfinden, als wären sie ein Stück von mir.

Aber manchmal möchte ich über meine Entdeckungen reden. Ich möchte sogar über meine Funde schreiben. Denn Schreiben ist neben Forschen mein zweites großes Vergnügen. Und schon habe ich ein Problem: Wie ordne ich meine Familiengeschichte?

Mit Einzelbiographien habe ich angefangen. Die sind verhältnismäßig selbstordnend: von der Geburt bis zum Tod geht ein Leben. Nun ist nur noch zu entscheiden, wie weit die Eltern, wie weit die Kinder mit hineingehören. Das übrige ist Sache des Stils.

Nach einer Weile häufen sich die Biographien an. Nun stellt sich heraus, dass sie nicht aneinander passen. Nur selten kann ich über eine Generationenfolge vom Urgroßvater bis zum Urenkel schreiben. Entweder fehlt es an Daten. Oder es wechselt der Gesichtspunkt und damit der Stil. Meine Leser fragen: Wie hängen die Geschichten zusammen? Wann entsteht das Buch?

Es verfängt wohl nicht, zu erklären, dass ich nie ein Buch schreiben wollte. Dass ich die Familiengeschichte als ein Puzzle ansehe, dessen sehr unterschiedliche Teile ich manchmal  zusammenlege, dann wieder durcheinander werfe, dass höchstens eine Mappe entstehen kann oder eine Homepage. Beide Medien haben den Vorteil, dass man die einzelnen Kapitel nach Lust und Laune auswechseln und miteinander mischen kann.

Kurzum, ich habe mich nun doch entschlossen, eine Art Gliederung aufzustellen. Sie soll nicht verbindlich sein, aber denjenigen, die Ordnung brauchen, das Gefühl von Ordnung geben. Als Ordnungskriterien habe ich meine acht Urgroßelternstämme erwählt. Sie sind hinreichend voneinander verschieden und trotzdem als meine Vorfahren einer Generation und so ziemlich einer historischen Epoche hinreichend homogen.

Meine Familiengeschichte ordnet sich also in acht Stämme. Jeder Stamm besteht aus den Vorfahren eines Urgroßvaters oder einer Urgroßmutter. Die vier Urgroßelternpaare haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts gelebt. Sie lebten alle im Deutschen Reich. Hier sind sie:

Mütterlicherseits:

  1. Martha Laura Ida Ehlert, geb. 9. 5. 1854 in Königsberg, ev., gest. 7. 3. 1937 in Berlin
  2. Hermann Gustav Behn, ev., geb. 12. 7. 1852 in Trier, gest. 21. 5. 1932  in Berlin
  3. Emma Saur, geb. 9. 12. 1850 in Guhrau/Bezirk Breslau, ev., gest. 29. 10. 1880 in Guhrau
  4. Otto Liebert, geb. 25. 3. 1839 in Lissa/Provinz Posen, ev-ref., gest. 2. 1. 1897 in Guhrau

Väterlicherseits:

  1. Johanna  Klara Liebscher, geb. am 30. 7. 1856 in Kobershain, Kreis Torgau, ev., gest. am 1. 5. 1944 in Köln
  2. August Theodor Heinrich Eberhardt, geb. am 2. 7. 1855 in Arnstadt, ev., gest. am 20. 1. 1928 in Köln.
  3. Friederike Philippine Allendorf, geb. am 9. 5. 1852 in Koblenz, ev., gest. am  2. 12. 1926 in Köln-Rodenkirchen
  4. Peter Joseph Mering, (Adelspatent 29. 5. 1893) geb. am 8. 1. 1843 in Herongen, kath., gest. 10. 2. 1901 in Köln

Demgemäß heißen die 8 Stämme meiner Vorfahren:

  1. Der Ehlert-Stamm
  2. Der Behn-Stamm
  3. Der Saur-Stamm
  4. Der Liebert-Stamm
  5. Der Liebscher-Stamm
  6. Der Eberhardt-Stamm
  7. Der Allendorf-Stamm
  8. Der Mering-Stamm

Dass diese Stämme sehr verschieden sind, ist ja nur gut. Dadurch bekommt meine Abstammung Farbe. Dass sie sich aber so unterschiedlich stark erforschen lassen, ist sehr bedauerlich. Die einzelnen Kapitel werden nicht gleich lang sein.

Die Ehlert-Saga

Die Ehlert–Saga erzählt die Herkunft einer meiner Urgroßmütter, der Kaufmannstochter und Offiziersfrau Martha Ehlert, verheiratete Behn. Es ist die Saga von Leuten ohne Berufstradition, ohne Ortstradition. Die Ehlerts, ihre Verwandten und Nachkommen waren anscheinend Menschen, die eine sich bietende Gelegenheit zu ergreifen wussten – es scheint mir aber auch, dass sie jede sich bietende Gelegenheit ergreifen mussten, weil sie selten eine sichere Ausbildung erhielten. Ehlert soll in Ostpreußen ein sehr häufiger Name sein. Meine Ehlerts sind anscheinend nach der zweiten Polnischen Teilung erst nach Westpreußen eingewandert, möglicherweise als preußische Soldaten oder kleine Händler. Es hat etwas Verwunderliches, dass ausgerechnet Martha Ehlert, die Nachkommin dieser bescheidenen Familien, die reichste meiner vier Urgroßmütter gewesen ist.

Viel weiß ich nicht über diesen Stamm. Der Spitzenahn ist Joseph Ehlert, geboren etwa um 1780, wahrscheinlich in Pommern oder Brandenburg. Nach seinem Beruf, Stadt-Chirurgus in Rastenburg/Ostpreußen von 1808 bis 1819, vermute ich, dass er als junger Mann Feldscher im preußischen Heer gewesen ist. Schon vor 1808 hat er sich an unbekanntem Ort mit Marie Reimann verheiratet. In Rastenburg lässt das junge Paar mehrere Kinder taufen. Nach dem Tod von Marie heiratet Joseph 1813 die junge Dorothea Amalie Eggert, eine Gutsbesitzerstochter. So ist es jedenfalls überliefert, aber ich habe ihre Eltern nicht finden können, weil der Traueintrag im Kirchenbuch fehlt. Von ihr hat er drei lebende Kinder, eins davon ist unser Ururgroßvater Otto Konrad Ehlert, der Getreidekaufmann in Königsberg, geboren am 28. 1. 1819 in Rastenburg, gestorben am 14. 9. 1888 in Königsberg. Des Getreidekaufmanns Frau wurde Helene Ottilie Guthzeit, eine Offizierstochter, deren Vater in Königsberg lebte als „Particulier“. Sie soll am 19. 12. 1833 in Bialutten, Krs. Sensburg geboren sein. Ihre Mutter soll Johanna Krause geheißen haben und die zweite Frau des Karl Guthzeit gewesen sein, der in erster Ehe, man höre und staune! geschieden war. Auch die Mutterstämme der Ehlerts reichen nicht weit. Aber das kann auch daran liegen, dass die Kirchenbücher von Ostpreußen nur mühsam gerettet wurden und oft lückenhaft sind.

Karl Guthzeit wurde immerhin zweiundsiebzig Jahre alt. Seine Tochter Helene Ottilie, die den reichen Getreidekaufmann geheiratet hatte, wurde zweiundachtzig Jahre alt. Das schwere Unglück, dass ihr Mann 1887 Konkurs anmelden musste und sich 1888 im Gefängnis das Leben nahm, hat sie wohl hauptsächlich durch die Treue ihrer älteren Schwester überlebt. Diese Schwester Laura Guthzeit hatte, ebenfalls in Königsberg, den jungen Ludwig Friedländer geheiratet. Er war Jude. Um 1880 war er ein bekannter Professor für Kunstgeschichte an der Universität Freiburg/Br. Zusammen mit ihrer hässlichen, aber klugen und tüchtigen Tochter Klara Ehlert zog Helene in die Nähe von Schwester und Schwager. Dort konnten die beiden Frauen als Erzieherinnen von Mädchen eine kleine „Pension“ aufmachen. Helene wies in die Feinheiten des bürgerlichen Haushalts ein, Klara unterrichtete. Klaras Vetter Paul Friedländer wurde Professor für Chemie und die Kusine Charlotte Friedländer heiratete Georg Dehio, der ein noch bekannterer Kunstgeschichtler wurde als ihr Vater. Nur beim jüngsten Kind Friedländer kam die Neigung zu Leichtsinn, die dem Guthzeit-Stamm anhaftet, wieder zum Tragen: Konrad Friedländer brannte mit einem Londoner Ladenmädchen durch!

Von den Nachkommen der Ehlerts erzählte meine Großmutter mit Kopfschütteln: in ihren Augen waren die meisten „verkrachte Existenzen“. Wie weit das daran lag, dass Großmutter ihre Mutter nicht leiden konnte, den Vater dagegen liebte, weiß ich nicht. Die schönen alten Haushaltsgegenstände, die ich geerbt habe, stammen jedenfalls sämtlich aus der Mitgift meiner Urgroßmutter Martha Behn. Und diese Mitgift hat schließlich der Getreidekaufmann Otto Ehlert in Königsberg verdient und ihr 1880 mit in die Ehe gegeben.

Behn-Saga

Die Behns seien „Inselfriesen“ gewesen, die in Ostpreußen angesiedelt wurden. Vom Klang des Namens her ist das möglich. In Lübeck gibt es eine Kaufmannsfamilie Behn. Die Saga der Behns ist besonders versponnen, meine Großmutter Edith Behn hat an ihr gestrickt und die hatte, wie meine Mutter zu sagen pflegte, „eine blühende Phantasie“.

Die Behns fühlten sich laut meiner Großmutter als Ostpreußen, aber ihr eigener Vater war in Trier geboren und der Großvater in Bromberg. Der von Felix Behn aufgefundene Urgroßvater Kasimir Behn soll am 29. 6. 1758 in Preußisch Friedland Maria Elisabeth Barthel geheiratet haben. Weiter ist über ihn nichts bekannt. Das dazu gehörige Kirchenbuch habe ich noch nicht gefunden, ein Beruf ist nicht angegeben. Ein Sohn aus dieser Ehe, Johann Gottfried Behn, hat um 1797 die Thornerin Anna Sophia Hirschberger geheiratet. Dies Paar ist in Bromberg gut bezeugt. Johann Gottfried war seit 1798 Stadtchirurg in Bromberg, er könnte vorher Feldscher gewesen sein. Sein erster Sohn starb als Kind, aber zwei weitere Söhne wurden erwachsen. Der ältere, Hermann Julius, studierte Medizin und wurde Nachfolger des Vaters, ja sogar Medizinalrat, der jüngere, 1807 geboren, ist unser Vorfahr. Er hieß Adolph Gustav Behn, ging zum Militär und wurde auch dort Arzt, sogar Königlich Preußischer Generalarzt. Er war in verschiedenen Garnisonen tätig: 1845 in Aachen, 1848 in Köln, 1852 in Trier, 1857 in Mainz, später in Posen. So kam es, dass unser Urgroßvater Hermann Behn 1852 in Trier geboren wurde. Sein Vater hatte ein Nervenleiden, vielleicht auch eine schwere Sucht, er starb 1866 in einer privaten Nervenheilanstalt in Brehna bei Halle/Saale. Bald darauf starb auch seine Frau in Potsdam. Die älteste Tochter des Generalarztes, die schöne Anna Behn, kümmerte sich um die Brüder, besonders den jüngsten, der beim Tod der Mutter erst ein Jahr alt war. Anna war mit dem Astronomen Hermann Romberg verheiratet und lebte später mit ihm in St. Petersburg. Das Leben dieses Ehepaares ist ein eigener Roman. Im ersten Weltkrieg sollen die beiden Söhne und die beiden Schwiegersöhne der schönen Anna an vier verschiedenen Fronten gekämpft haben; einer auf deutscher Seite, einer auf russischer, einer im finnischen Heer und einer im französischen. Anna und ihr Mann sind aber nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin gestorben. Meine Mutter hat wenigstens ihre Großtante Anna noch gekannt.

Unserer Mutter Großvater, Hermann Behn, war ein sehr erfolgreicher Pionier-Offizier – er hatte das Glück, ein Offizier im Frieden zu sein und mit dieser Rolle gut zu Recht zu kommen. Er baute wohl meistens an den Fortifikationen des Deutschen Reiches: in Königsberg, Stettin und Thorn, in Köln und Deutz, in Glogau, Neiße und zuletzt in Metz. Es war ihm nicht langweilig, er war gesellig, anscheinend freundschaftsfähig. Das machte ihn beliebt. So kam er nach seiner Pensionierung 1906 als Generalmajor an den „Invalidendank“, eine Organisation zur Unterstützung von alten Soldaten. Bei seiner Reaktivierung im 1. Weltkrieg wurde er ein letztes Mal befördert. Als Generalleutnant schied er schließlich aus, durfte sich Exzellenz nennen lassen. Was er von diesem einzigen Krieg, den er erlebte, gehalten hat, weiß ich nicht. Aber seine Tochter, meine Großmutter Edith Behn, hat immer geglaubt, ihr Vater, ganz wie übrigens auch ihr Mann Paul Liebert, habe stets seine Pflicht getan. Dass und nur das war es, was man von einem Soldaten erwarten durfte.

Mein Großonkel Felix Behn, der einzige Bruder meiner Großmutter, starb als Offizier im ersten Weltkrieg durch eine Fliegerbombe. Er war ein Familienforscher wie ich, allerdings hauptsächlich mit einem praktischen Ziel: er wäre so gerne adlig gewesen und hoffte immer nachweisen zu können, dass die Behns eigentlich „von Boehns“ sind. Er hatte sich sogar schon einen Siegelring mit dem Wappen der von Boehns machen lassen, den ich noch habe. Die abenteuerliche Behn-Saga, die bei seinen unsystematischen Nachforschungen entstand, hat die von Boehns sehr erbost . Mir nützt sie nichts. Hoffentlich ist wenigstens der Spitzenahn Kasimir Behn echt! Dann wäre das Heiratsdatum  29. 6. 1758 in Preußisch Friedland das älteste Datum der Behnfamilie. Es bedeutet, dass die Behns schon im späteren Westpreußen waren, bevor es 1793 preußisch wurde!

Ein von mir durch das Kirchenbuch und das Zunftbuch erforschter Spitzenahn ist der 1685 in der Neustadt von Thorn/Torun  mit einer Anna Wachschlager verheiratete Hans Deutzschmann, ein Rotgerbermeister. Ein anderer Spitzenahn ist Peter Wentzel, der Kupferhammerschmied in Leibitz (Lubicz), Bürger von Thorn seit 1670. Er heiratet 1685 Maria Strewig, eine Fleischerstochter aus Thorn. Die Frauenfamilien Wachschlager (Waxschlager) und Strewig (Streibig) sind schon am Ende des Mittelalters (15. Jht.) in Thorn ansässig gewesen. Aus diesen alten Familien stammt Anna Sophia Hirschberger, die Frau des Kreiswundarztes Behn in Bromberg. Dieser Mutterstamm der Behns in Thorn ist ein echter Handwerkerstamm. Hammer- und Kupferschmiede sowie Rotgerber geben ihm sein Gepräge und das Zunftbuch der Rotgerber in der Thorner Neustadt, die  „Rothgerber Meisterquartale 1626 bis 1855“, gibt der Familiengeschichte spannende Kontur. Doch der Vater von Anna Sophia Hirschberger ist ein Kupferschmied aus Pirna! Und hat dort eine Handwerkerdynastie von Schmieden, Gürtlern und Nadlern hinter sich. Es lässt sich sagen, dass die Frauenstämme der Behnfamilie interessanter sind als die eigentlichen Behns. Aber das liegt vielleicht nur daran, dass wir von den Behns nichts wissen.