Sagas und Biografien
Wie ordne ich meine Familiengeschichte?
Eine vergnügliche Sache ist das Forschen nach den Vorfahren. Manchmal merke ich, dass ich weiter gar nichts will: wissen, wer sie waren, wo sie lebten und ihr Lebensgefühl nachempfinden, als wären sie ein Stück von mir.
Aber manchmal möchte ich über meine Entdeckungen reden. Ich möchte sogar über meine Funde schreiben. Denn Schreiben ist neben Forschen mein zweites großes Vergnügen. Und schon habe ich ein Problem: Wie ordne ich meine Familiengeschichte?
Mit Einzelbiographien habe ich angefangen. Die sind verhältnismäßig selbstordnend: von der Geburt bis zum Tod geht ein Leben. Nun ist nur noch zu entscheiden, wie weit die Eltern, wie weit die Kinder mit hineingehören. Das übrige ist Sache des Stils.
Nach einer Weile häufen sich die Biographien an. Nun stellt sich heraus, dass sie nicht aneinander passen. Nur selten kann ich über eine Generationenfolge vom Urgroßvater bis zum Urenkel schreiben. Entweder fehlt es an Daten. Oder es wechselt der Gesichtspunkt und damit der Stil. Meine Leser fragen: Wie hängen die Geschichten zusammen? Wann entsteht das Buch?
Es verfängt wohl nicht, zu erklären, dass ich nie ein Buch schreiben wollte. Dass ich die Familiengeschichte als ein Puzzle ansehe, dessen sehr unterschiedliche Teile ich manchmal zusammenlege, dann wieder durcheinander werfe, dass höchstens eine Mappe entstehen kann oder eine Homepage. Beide Medien haben den Vorteil, dass man die einzelnen Kapitel nach Lust und Laune auswechseln und miteinander mischen kann.
Kurzum, ich habe mich nun doch entschlossen, eine Art Gliederung aufzustellen. Sie soll nicht verbindlich sein, aber denjenigen, die Ordnung brauchen, das Gefühl von Ordnung geben. Als Ordnungskriterien habe ich meine acht Urgroßelternstämme erwählt. Sie sind hinreichend voneinander verschieden und trotzdem als meine Vorfahren einer Generation und so ziemlich einer historischen Epoche hinreichend homogen.
Meine Familiengeschichte ordnet sich also in acht Stämme. Jeder Stamm besteht aus den Vorfahren eines Urgroßvaters oder einer Urgroßmutter. Die vier Urgroßelternpaare haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts gelebt. Sie lebten alle im Deutschen Reich. Hier sind sie:
Mütterlicherseits:
- Martha Laura Ida Ehlert, geb. 9.5.1854 in Königsberg, ev., gest. 7.3.1937 in Berlin
- Hermann Gustav Behn, ev., geb. 12.7.1852 in Trier, gest. 21.5.1932 in Berlin
- Emma Saur, geb. 9.12.1850 in Guhrau/Bezirk Breslau, ev., gest. 29.10.1880 in Guhrau
- Otto Liebert, geb. 25.3.1839 in Lissa/Provinz Posen, ev-ref., gest. 2.1.1897 in Guhrau
Väterlicherseits:
- Johanna Klara Liebscher, geb. am 30.7.1856 in Kobershain, Kreis Torgau, ev., gest. am 1.5.1944 in Köln
- August Theodor Heinrich Eberhardt, geb. am 2.7.1855 in Arnstadt, ev., gest. am 20.1.1928 in Köln.
- Friederike Philippine Allendorf, geb. am 9.5.1852 in Koblenz, ev., gest. am 2.12.1926 in Köln-Rodenkirchen
- Peter Joseph Mering, (Adelspatent 29.5.1893) geb. am 8.1.1843 in Herongen, kath., gest. 10.2.1901 in Köln
Familien-Sagas
Demgemäß ordne ich meine Biografien in diese 8 Familien-Sagas:
- Die Ehlert-Saga
- Die Behn-Saga
- Die Saur-Saga
- Die Liebert-Saga
- Die Liebscher-Saga
- Die Eberhardt-Saga
- Die Allendorf-Saga
- Die Mering-Saga
Dass diese Stämme sehr verschieden sind, ist ja nur gut. Dadurch bekommt meine Abstammung Farbe. Dass sie sich aber so unterschiedlich stark erforschen lassen, ist sehr bedauerlich. Die einzelnen Sagas können nicht gleich lang sein.
Die Liebert-Saga
Die Liebert-Saga ist die Geschichte der Herkunft meines Urgroßvaters Otto Liebert. Sie führt nach Großpolen, nach Kobylin bei Lissa oder, wie es heute heißt, Leszno. Der erste Liebertvorfahre heißt Michael und ist Einwohner in Jutroschin. Als er zum ersten Mal erwähnt wird, 1731 bei der Hochzeit seines Sohnes Martin, eines Windmüllers in Kobylin, ist er schon verstorben. Michael Liebert war deutschstämmig und evangelisch-lutherisch. Er gehört in einen Personenkreis, der seit der Gegenreformation nach dem Dreißigjährigen Krieg von Schlesien ins Königreich Polen ausgewichen war. Dieses Großpolen hatte die gleiche Landschaft und das gleiche Klima wie Schlesien. Die Adeligen waren seit der Reformationszeit evangelisch und hatten immer schon Glaubensflüchtlinge bei sich aufgenommen: das Land war geräumig und die Einwanderer sollten es entwickeln helfen. Windmüller wurden gebraucht. Die Lieberts waren oder wurden Windmüller. Sie lebten als Bürger und Handwerker im winzigen Kobylin, zwischen polnischen Adelsgütern und polnischen Bauerndörfern. Sie lebten in diesen Städten zusammen mit Juden, die den Handel übernahmen, und mit polnischen katholischen Handarbeitern und Ackerbürgern. Sicher sprachen die Lieberts auch polnisch, aber in Rathaus, Zunftstube und Kirche wurde Deutsch gesprochen und geschrieben. Deshalb war auch die Schule deutsch. Die Lehrer und Pastoren kamen aus Deutschland und die Gesellen gingen nach Deutschland auf Wanderschaft. Es war ein ehrgeizig angestrengtes, sehr vielseitiges Leben. Drei Generationen Liebert sind Windmüller auf der Stadtmühle in Kobylin, in der vierten werden beide Söhne, Carl Christian und Daniel Benjamin Bäcker.
Warum die Stadtmühle der Familie Liebert abhanden kam, steht nicht im Kirchenbuch. Die napoleonischen Kriege mögen dabei eine Rolle gespielt haben, aber auch der frühe Tod der Mutter, der erst 23jährigen Christiana Charlotta, geb. Kammer. Der Vater heiratet schnell ein zweites Mal – aber das neugeborene vierte Kind von Charlotta stirbt trotzdem. Die zweite Frau, Susanna, geb. Pflegel, stammt wie Charlotta aus einer Müllerdynastie in Kobylin. Doch auch von ihren Kindern ist später keines Müller auf der Stadtmühle. 1822 stirbt Christian Carl, der letzte Windmüller der Familie Liebert. Der älteste Sohn ist erst 17 Jahre alt. Er kann die Mühle nicht übernehmen. Er und auch sein Bruder, mein Vorfahr Daniel Benjamin, machen eine Bäckerlehre, vielleicht, durch Patenschaften vermittelt, im nahen Lissa. Auf jeden Fall leben und arbeiten beide später dort. In Lissa verheiraten sie sich und ziehen Kinder auf.
Daniel Benjamin, lutherisch erzogen, geht 1836 die Ehe ein mit Charlotte Zytowski, einer Nachkommin der Böhmischen Brüder. Die Verbindung ist vielleicht von Anfang an spannungsreich, sie scheint eine sehr energische Frau gewesen zu sein und ihm fehlt vielleicht das freie Leben auf der Windmühle. Dazu kommt der Konfessionsgegensatz und der Schwiegervater Samuel Zytowski, der eine wichtige Rolle in Stadt und Kirchengemeinde innehat. Die Entscheidung bringt das Jahr 1848. Daniel Benjamin Liebert fühlt mit den aufständischen Polen, als Deutscher, als Handwerksmeister und Bürger setzt er auf die Revolution. Das bringt ihn in Gegensatz zu dem streng konservativen und propreußischen Bürgertum in Lissa. Er wird zum Außenseiter. Ob er sich auch strafbar macht, weiß ich nicht. 1854 zieht er die Konsequenz, verlässt seine Frau und seine fünf Kinder und wandert über den Hafen Bremen nach Amerika aus, ohne seine Schulden zu bezahlen.
Unser Urgroßvater Otto Liebert, Daniel Benjamins ältester Sohn, hat also Erfahrung mit Armut. Aber die Mutter gibt sich nicht geschlagen. Nach der Familien-Saga hilft ihr ein Jude mit einem ersten Kredit für die Bäckerei. Otto und seine Brüder besuchen das Gymnasium in Lissa und lernen dann in Marienberg den Eisenhandel. In Guhrau, nicht weit von Lissa, lässt sich Otto mit einem eigenen Geschäft nieder, wozu ihm ein Bruder seiner Mutter das Kapital leiht. Die reiche und tüchtige Müllerstochter Emma Saur wird Ottos Frau und führt selbständig das Geschäft weiter, als Otto 1870/71 im Krieg ist. Emma stirbt 30-jährig, wohl von der vielen Arbeit und fünf Schwangerschaften erschöpft. Otto bricht fast zusammen, sein Bruder muss das Geschäft für ihn leiten. Eine zweite Ehe wird vermittelt und Julie Sonntag aus Patschkau macht Mann und Kinder wieder glücklich: nie wollte unser Großvater Paul dulden, dass man „die böse Stiefmutter“ im Märchen sagte, so dankbar war er ihr. Sein Vater Otto hatte inzwischen die Molkerei in Guhrau übernommen. Er war ein vermögender Mann und konnte seinen ältesten Sohn nach Breslau auf das berühmte Elisabeth-Gymnasium schicken. Anscheinend sah er es gern, dass Paul 1887 die Militärlaufbahn einschlug. So wurde unser schlesischer Großvater, der Windmüllernachkomme, preußischer Offizier.
Er war es meistens im Frieden. Er diente in vielen Garnisonen: in Straßburg, in Metz, in Berlin, in Posen. Er heiratete spät, angeblich, weil er glaubte, er werde nicht alt werden. Mit neununddreißig Jahren entschloss er sich doch noch: die Tochter seines Chefs hatte es ihm angetan. Edith Behn war vierundzwanzig Jahre alt. Die Hochzeit fand am 14. März 1907 in Berlin statt. 1910 wurde unsere Mutter Ruth in Sablon bei Metz geboren. Wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihr Vater bis zu ihrer Großjährigkeit im Dienst aufgestiegen wäre, kann man nicht wissen. Es kam der Erste Weltkrieg, die Niederlage, das Ende des Kaiserreichs. Paul Liebert wurde als Mann von 49 Jahren pensioniert. Seine Ansichten wurden erschüttert. Er beschloss, seine älteste Tochter studieren zu lassen und ihr ein eigen bestimmtes Leben zu ermöglichen. Er suchte eine kleine und nicht teure Universitätsstadt. Seine Wahl fiel auf Marburg an der Lahn. Aus ganz ähnlichen Gründen hatte diese Universität ein junger Theologe aus Köln erwählt. Im Sommer 1929 lernten sich Ruth Liebert und Eberhard von Mering beim Lektor für Griechisch Dr. Wysk kennen. Es war nachhaltig. Am 17. August 1937 heirateten die beiden und wurden unsere Eltern.
Der Spitzenahn des Stammes Liebert ist Michael Liebert, Einwohner in Jutroschin, Vater eines Sohnes Martin um 1700 (1699) und gestorben dort vor 1731. Dieser Sohn Martin ist der erste Windmüller Liebert in Kobylin.
Der Spitzenahn des Mütterstamms Zitowski ist jünger: der Bildhauer Franz Zittowske in Lissa ist 1777 schon verstorben, als sein einziger Sohn Martin Gottlieb Zytowsky, ebenfalls Bildhauer, sich verheiratet.
Die Liebscher-Saga
Die Liebscher-Sage ist die Geschichte des Akademiker-Stamms unter meinen Vorfahren – oder bescheidener ausgedrückt: des Lehrer- und Pfarrerstamms. Doch gibt es unter den Verwandten dieser Lehrer und Pfarrer auch Ärzte und Verwaltungsjuristen. Damit hebt sich die Familie Liebscher von sechs der andern Urgroßeltern-Stämme ab: von den Windmüllern Liebert und Saur, von den Kaufleuten und Angestellten Eberhardt und Ehlert und von den Handwerkerstämmen Allendorf und Behn. Ein Arzt kommt bei den Behns im 19. Jahrhundert vor. Die von Merings weisen in unserer Vorfahrenlinie vor unserem Vater nur drei Universitätsabsolventen auf.
Selbstverständlich bleibt auch beim Liebscher-Stamm die Grundlage das Handwerk. Der erste nachweisliche Vorfahr mit diesem Namen ist Sattler aus Hermsdorf/Erzgebirge, Sohn des Joel Liebscher. Er heiratet in Dippoldiswalde bei Dresden die Tochter seines Meisters namens Bercht und zieht mit ihr nach Geising am Erzgebirge. Dort hat er Arbeit genug, denn der Bergbau braucht Schurzleder, Eimer und Riemen. Er bekommt viele Kinder. Seine erste Frau Anna Elisabeth stirbt, er heiratet ein zweites Mal. Die Frau heißt Maria Schelle. Sie gehört wohl zu der Familie in Geising, aus der der Thomaskantor Johann Schelle[1] hervorgeht. Dadurch liegt nahe, dass ein Liebschersohn Kantor und Lehrer werden will. Er wird unser Vorfahr.
Damit hat er die erste Hürde zum Bildungssektor genommen, obwohl auch der Schuldienerberuf damals ein Handwerk ist. Die Frauen der Lehrer Liebscher sind überwiegend Lehrerstöchter. Die zweite Hürde nimmt Benjamin Liebscher 1787, als er eine Pfarrerstochter heiratet und später selber Pfarrer wird. Erst Pfarrer brauchten eine Universitätsbildung. Damit gewinnt unser Stamm über die Mutterlinie der Pfarrerstochter Ramdohr Anschluss an Familien, die schon seit mehreren Generationen Universitätsausbildung genossen.
Sechzehn Pfarrer gehören damit zu den Vorfahren unseres Vaters. Und sehr oft ist über die Pfarrerstöchter die nächste Generation zum Beruf gekommen. Neben dem Streben nach Bildung fällt am Liebscherstamm eine ausgesprochene Neigung zu Ehe und Familie auf. Die Liebschers bejahten im Glauben die Lebensordnung. Sie hatten oft zahlreiche und gesunde Kinder. Auch Langlebigkeit gibt es häufig in diesem Stamm. Weil sie zu den Honoratioren gehörten, als Pfarrer sogar selbst Einfluss auf das Kirchenbuch nehmen konnten, lassen sich die Liebschers gut erforschen. Das liegt natürlich auch an der idealen Quellenlage in Mitteldeutschland. Sehr viele Kirchenbücher sind erhalten, Stadt- und Kirchenarchive sind zugänglich und sie reichen im Land der Reformation weit zurück. Als Folge davon ist die Liste der Familiennamen am längsten von allen meinen Stämmen. Und manche dieser Namen sind schon von anderen Genealogen erforscht.
Die Spitzenahnen meiner Urgroßmutter Johanna Liebscher sind
- Hans Francke, Schuster in Leipzig um 1530, geboren in Nürnberg um 1510
- Johann Schütz, (ca. 1519 – 1581), Pfarrer in Großottersleben und Riestedt
- Johannes Krause, Hofprediger beim Grafen Hans von Mansfeld in Rothenburg a.d. Saale, gest. 1558
- Magister Thomas Kuntzsch, Rektor in Eilenburg um 1560
- Magister Johannes Stam, Pfarrer an St. Annen in der Neustadt Eisleben um 1570
- Matthes Reichelt, Windenmacher im Prüll von Leipzig um 1575
- Georg Eichhorn, Hochgräflich-Mansfeldischer Rentmeister um 1590
Die Eberhardt-Saga
Die Eberhardts stammen aus dem Thüringer Wald. Natürlich sind sie evangelisch-lutherisch. Die erste Eheschließung, die ich nachweisen kann, hat 1692 in Großbreitenbach stattgefunden. Da heiratet ein Fenstermacher Eberhardt die Tochter eines Fenstermachers Eberhardt – das wird wohl seine Kusine gewesen sein. Das Handwerk der Fenstermacher umfasste „im Osten“ das, was im Westen Deutschlands zwei Gewerke, die Tischler und die Glaser, leisteten. Die Fenstermacher fertigten nicht nur den Holzrahmen, sondern setzten auch das Glas ein. Glas wurde im Thüringer Wald schon seit dem Mittelalter hergestellt. Und Holz gab es reichlich.
Unser Vorfahr Wolffgang Nicol Eberhardt, 1736 in die große Sippe Eberhardt hineingeboren, will etwas Besonderes sein, er ist „der Kunst ergeben“. So wird er weder Fenstermacher noch Handelsmann wie seine Verwandten, sondern zu guter Letzt Lehrer in Altenfeld. Reich wird er nicht, stirbt auch früh, so dass sein Sohn Nicol Wolffgang Eberhardt, unser nächster Vorfahr, keine Ausbildung bekommt. Er wird Handarbeiter, später Kastenknecht, d. h. Küster in Arnstadt etwa um 1800. Auch dessen Sohn Johann Adam Heinrich bleibt in diesem Amt: Gartenarbeiter und Kastenknecht um 1830. Arnstadt ist damals eine wachsende Stadt. Auch die Familie Weisheit, Nachkommen von Kleinbauern und Fuhrleuten im Thüringer Wald, kommt nach Arnstadt. Sie hat einen weit zurückreichenden Stammbaum von Fuhrleuten mit Namen Weisheit in Struth bei Schmalkalden. In Struth heißt heute noch jeder dritte Weisheit, erzählte mir eine freundliche Einwohnerin. Aber der Johann Otto Weisheit, der nach Arnstadt kommt, ist Brandweinbrenner. Er hat die Ehe geschlossen mit Magdalene Bücking, der Nachkommin eines schwarzburgischen gelernten Jägers.
Des Lehrers Urenkel, Ernst August Christian Eberhardt, kann sich wieder eine Lehrzeit leisten: er wird Zeugschmiedemeister in Arnstadt. Seinen Kindern bringt es kein Glück: der junge Meister stirbt 1857 mit 25 Jahren „an Krämpfen“, die Mutter Johanna Friederike Weisheit muss als Waschfrau Sohn und Tochter aufziehen. Unseres Urgroßvaters Heinrich Eberhardt Kindheit ist ebenso von Armut geprägt wie die von unserm Urgroßvater Peter Mering. Aber während Peter ein Handwerk lernt, geht Heinrich zur Eisenbahn.
Trotz der unermesslichen Menge an Literatur über die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland gibt es fast nichts über die Ausbildung der Menschen, die bei der Bahn eingestellt wurden – mit Ausnahme der Lokomotivführer. Unser Urgroßvater aber war kein Lokomotivführer, er hatte eine Art Buchhalterstelle bei der Bahn. Rechnen und schreiben muss er gut gekonnt haben. Das Rechnungswesen der stetig sich entwickelnden Reichsbahn wurde von Hand registriert. In riesigen Büros saßen die Beamten. Heinrich kam schnell voran. Mit 25 Jahren konnte er die Pastorentochter Johanna Liebscher aus Oberröblingen am See heiraten und mit ihr nach Deutz ziehen. So kamen die Eberhardts an den Rhein. Natürlich suchten sie eine evangelische Kirche und fanden sie in der neu aufstrebenden Stadt Ehrenfeld. Clara Eberhardt, die älteste Tochter von Johanna und Heinrich, lernte im Kirchenchor den jungen Bildhauer Carl von Mering kennen. So wurde Clara unsere Großmutter von Mering.
Die Allendorf-Saga
Die Allendorf–Saga erzählt die Herkunft einer meiner Urgroßmütter, der Friederike Philippine von Mering, geb. Allendorf. Ihr Vater Karl Allendorf war zwischen 1840 und 1873 Glaser in Koblenz. Er stammte aus einer Handwerkerfamilie in Artern am Kyffhäuser. Ihre Mutter hieß Philippine Zimmermann und stammte aus einer evangelischen Handwerkerfamilie in Bacharach am Rhein. Sowohl Artern als auch Bacharach und Koblenz waren 1815 preußisch geworden. Die beiden waren also Bürger Preußens, aber ziemlich sicher hat Karl sich mehr als Sachse und Philippine sich mehr als Rheinländerin gefühlt.
Die Allendorfs in Artern waren hauptsächlich Glaser-, Bäcker- und Gerbermeister. Die Glaser hießen außer Allendorf überwiegend Jahn, die Meyers waren eine Bäckerfamilie, die Zeises oder Zieses sowie die Gänsehals waren Gerber. Die Allendorfs stammten eigentlich aus Apolda. Der Spitzenahn mit dem Namen Allendorf ist Andreas Allendorf, Glaser um 1747 in Apolda, gestorben vor 1779, doch können auch der Gerber Adolph Gänsehals, der Bäcker Johann Jacob Meyer und die Anspänner Anton Leucht und Johann Christoph Ziese um 1747 als Spitzenahnen benannt werden. Das Kirchenbuch von Artern ist noch nicht ausgeschöpft.
Die Handwerkermeister in Bacharach waren hauptsächlich Schlosser. Da die evangelische Diaspora eng war, kamen die Schwiegersöhne der Schlosser als wandernde Gesellen aus Hessen und Franken an den Rhein und in die Familie.
Der Spitzenahn mit dem Namen Zimmermanns ist Tobias Zimmermann aus Rathsweiler, der aber kein Schlosser, sondern um 1780 ein Bäcker war in Zweibrücken. Doch der absolute Spitzenahn unter Philippines Vorfahren ist Philipp Kümpel, Bürger und Schiffsmann in Kaub, gestorben vor 1747. Er ist nicht nur im Kirchenbuch, sondern auch in den Rechnungen des Zolldirektors von Andernach Johann Friedrich von Mering bezeugt. Wie mehrmals in meiner Familiengeschichte sind sich also – diesmal am Rheinzoll in Andernach – zwei Vorfahren schon einmal begegnet, bis endlich auf großen Umwegen ihre Nachfahren ein Ehepaar wurden.
Philippine Allendorfs Handwerkervorfahren machen nach den Kirchenbucheinträgen einen sehr soliden Eindruck. Ich denke, diesen Eindruck hat auch sie selbst auf Peter von Mering gemacht. Peter hatte Grund, sich nach Solidität und Verlässlichkeit zu sehnen. Die Wirbel, die sein abenteuernder Großvater verursacht hatte, waren noch im Familien-Gedächtnis. Dass Philippine darauf bestand, in der evangelischen Konfession ihrer Eltern getraut zu werden und ihre Kinder zu erziehen, erschien ihm vielleicht als Bestätigung ihrer Verlässlichkeit. So willigte er ein. Dank Philippine Allendorfs Ernst und Konsequenz sind wir die einzigen evangelischen von Merings, die es gibt.
Die Mering-Saga
So gut wie andere Familien sind die Merings allemale. Es ist der Name meines namengebenden Urgroßvaters Peter von Mering.
Der früheste Mering, mit dem wir verwandt sind, stammte aus Coesfeld. Es gibt bis heute einen Hof Mehring bei Flamersheim im Kreis Coesfeld, der seit dem 12. Jahrhundert ein Meierhof des Klosters St. Mauritius in Münster war. In Coesfeld ist im 15. und 16. Jahrhundert der Familienname Merinck unter den Bürgern sehr häufig.
Hynrich Merinck aus Coesfeld erwarb 1553 in Köln das Bürgerrecht. Natürlich war er Katholik als Bürger einer katholischen Stadt. Nach seinem Testament von 1579 war er zuerst mit Catharina Lindlar verheiratet, der Witwe von Herman Mueträtzer oder Muetroyde. Herman Muetroyde war Kaufmann in Köln gewesen, Hynrich Merinck vermutlich sein Prokurist oder Kompagnon. Catharina war älter als Hynrich. Sie hatte schon vier halberwachsene Kinder, die Hynrich aufziehen half. Erst als Catharina starb, konnte Hynrich eine junge Frau, Christina von Monheim, heiraten, mit der er mindestens vier eigene Kinder erzielte. 1579, als er, schwer krank, sein Testament schrieb, waren diese Kinder noch klein. Hynrich aber besaß ein großes Vermögen und wollte vor Zeugen klar stellen, dass er seine Stiefkinder schon abgefunden hatte und dass sein jetziger Wohlstand allein seinen leiblichen Kindern zugute kommen sollte. Christina sollte seine Testamentsverwalterin und die Erzieherin der Kinder sein. Nach den Kölner Genealogen wurde Hynrich wieder gesund und lebte noch bis 1587. Dann starb er und kurz darauf auch Christina. Die Waisen Merinck wurden von Vormündern großgezogen, unser nächster Vorfahr hieß wieder Hynrich und wurde wieder Kaufmann in Köln, zuerst imViertel St. Martin, dann bei St. Columba. Seine 13 Kinder von zwei Ehefrauen sind zwischen 1600 und 1631 in Köln getauft. Ein Sohn, 1620 geboren, ist der erste Domherr der Familie, Henrich Mering. Sein jüngerer Bruder, unser nächster Vorfahr, wurde Arzt, Professor für Medizin an der Kölner Universität zwischen 1662 und 1687. Dieses Professors Sohn aus erster Ehe, geboren 1667, ist der zweite Domherr der Familie, Heinrich von Mering. Ein Sohn aus zweiter Ehe, geboren 1685, ist unser nächster Vorfahr. Er heißt Johann Friedrich von Mering, ist zuerst Hauptmann im kaiserlichen Heer, dann kurkölnischer Rheinzöllner in Andernach. Johann Friedrich hatte von seiner Frau Maria Gertrude Rübsam drei Söhne. Der älteste und der jüngste verheirateten sich in Andernach. Der älteste ist der Vorfahr der von Merings in Amerika geworden, der Stamm des jüngsten starb aus.
Der mittlere, geboren 1733, unser Vorfahr Franz Caspar von Mering, wurde wie sein Vater kaiserlicher Soldat. Er kämpfte als Offizier der Kaiserin Elisabeth 1761 bei Torgau gegen Friedrich den Großen. Aber Franz Caspar hatte kein Glück. Vielleicht wurde er schwer verletzt und kränkelte dann, vielleicht war er nicht tüchtig. Er brachte es nur bis zum Oberleutnant, erhielt früh seinen Abschied. Und er heiratete offenbar unterhalb des Rahmens seiner Brüder. Die Verbindung zu ihnen scheint abgerissen. Er starb schon 1779 in Mainz. Sein Sohn, unser Vorfahr Franz Joseph Caspar, wurde schon mit fünfzehn Jahren Vollwaise und war offenbar ohne Vermögen. Für ein armes adliges Kind waren die Zeiten schlecht. Mainz gehörte seit 1797 zur revolutionären Republik Frankreich. Vermutlich floh Franz Joseph Caspar und wurde so jung wie möglich Soldat, angeblich bei den preußischen Husaren.
Sein Leben verlief abenteuerlich. 1799 ist er in der Pfalz und heiratet vor dem republikanischen Zivilbeamten in Kirchheimbolanden eine Pächterstochter lutherischer Konfession, Anna Maria Ziemer. Franz Joseph Caspar ist der „Bürger Mering“. Das ist die erste standesamtlich geschlossene Ehe in unserer Familie und von den frommen Verwandten nie als solche anerkannt. Mit Anna Maria betreibt Franz Joseph Caspar eine Kneipe.
Nach der Geburt des ersten Kindes zieht das Paar nach Dänemark, wo es sechs weitere Kinder in der katholischen Kirche der Österreichischen Gesandtschaft taufen lässt. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, müssen alle Ausländer sofort Dänemark verlassen. Die Merings kehren zurück nach Mainz. Das Land am Rhein steht unter bayrischer Verwaltung. Arbeitslosigkeit und Hunger herrschen. 1815 findet der arme Familienvater Arbeit als „Chaussee-Bereiter“, als berittener Verkehrspolizist. 100 Franken im Monat sind nicht viel, aber es kommen noch „Denunziantenprämien“ dazu, wenn er viele Fuhrleute anzeigt. Er wird an die Landstraße von Speyer nach Oggersheim versetzt und zieht mit seiner Familie nach Speyer um. Seine Frau erwartet das 8. Kind. Franz Joseph Caspar ist sehr eifrig als Kontrolleur der Fuhrleute, er erhält hohe Prämien, er macht sich unbeliebt. Er wird reingelegt oder wird einmal schwach: er lässt sich bestechen. Seine Frau stirbt „vor Gram“, wie er selbst schreibt, seine Kinder kommen ins Armenhaus in Frankenthal. Er sitzt seit August 1816 im Gefängnis in Speyer. Im März 1817 findet in Zweibrücken vor dem Appellationsgerichtshof sein Verfahren statt. Er wird zu 200 Franken Strafe und einer Stunde Pranger verurteilt. Am Pranger hat er jedoch nicht gestanden. Er erreicht eine Begnadigung, vielleicht mit Hilfe seines Vetters, des ehemaligen Hofgerichtspräsidenten von Köln, Fritz von Mering. Von da an verliert sich unseres Vorfahren Spur. Seine Kinder geben in ihren Urkunden an, dass sie nicht wissen, wo ihr Vater sich aufhält.
Der älteste Sohn dieses Mannes, Franz Joseph Mering, tritt aus dem Armenhaus ins preußische Heer ein. Er wird Hoboist im 29. Infanterie-Regiment, das in Saarlouis stationiert ist. Dort lernt er eine arme Näherin lothringischer Abstammung kennen, Catherine Henry. Ihr Vater war napoleonischer Offizier. Auch er ist verschollen. Die beiden heiraten 1828, ziehen 1831 mit dem Regiment nach Koblenz, 1842 bekommt Franz Joseph als Abfindung die Stelle eines Grenzaufsehers in Herongen an der neuen Zollgrenze zu den Niederlanden. 1843 wird dort unser Urgroßvater Peter geboren. Catharina stirbt 1855 in Herongen, bevor endlich 1856 Franz Joseph als Steuer-Aufseher nach Koblenz zurückkehren kann. Peter macht dort eine Maurerlehre, bevor er sich zum Stuckateur qualifiziert. Weil seine Frau, die evangelische Glaserstochter Philippine Allendorf darauf besteht, werden seine Kinder alle evangelisch erzogen. Und weil er sich 1893 das Adelspatent vom Königlichen Heroldsamt in Berlin bestätigen lässt, sind wir die einzigen evangelischen von Merings aus diesem Stamm!
- ↑ Schelle, Johann, get. 6. 9. 1648 Geising (Erzgebirge), gest. 10. 3. 1701 Leipzig; deutscher Komponist und Kantor
