Familiengeschichte
Familiengeschichte per Computer (1997)
Mein Nachbar Wolfgang Scheiter wollte mir gerne etwas Gutes tun. Und er kopierte mir aus dem Internet, zu dem er beruflich Zugang hat, ein Genealogisches Programm... Cumberland Family Tree heißt das Programm und nach allem, was ich sehen kann, gehört der Autor derselben Kirche der Heiligen der Letzten Tage an, zu denen auch die Leute in der Wartenau 20 zählen, bei denen ich schon seit Monaten Kirchenbuchfilme durchsuche.
Das Programm ist "shareware" - das heißt, ich habe es 45 Tage zur Ansicht auf meiner Festplatte, danach muss ich zahlen oder die Bedienung blockiert sich selbst.
Diese geheimen Schlösser im Programm kann ich mir zwar vorstellen, aber nicht beschreiben. Ich billige sie. Ich sage mir, dass ein Mensch, der mit viel Sorgfalt ein solches Programm erstellt, auch bezahlt sein muss. Schließlich lebt mein eigner Sohn von solcher Arbeit. Daß beim Cumberland Family Tree das Geld vielleicht an die Kirche der Mormonen geht und nicht an den Autor persönlich, stört mich auch nicht. Diese "Heiligen" sind nicht sehr verrückt und bestimmt keine Bösewichte: sie verlangen zwar manches Opfer von sich, aber sie lassen sich nicht das Gehirn waschen.
Der Autor von Cumberland Family Tree nennt sich Ira Lund, ist natürlich Amerikaner, aber mit norwegischem Hintergrund, und hat, damit er die Nuancen seines Programms zeigen kann, eine Amerikanerin, die aus China stammt, zur Frau. Da ich keine andern Programme kenne, ist die Beurteilung für mich schwer. Ich sehe aber, dass es gegenüber dem, was ich mir selbst an Methoden erarbeitet habe, einige Vorteile bietet. Der größte scheint mir zu sein, dass die Regeln formuliert sind. Wenn ich meine Forschung niederlege, kann ein anderer an Hand dieser Regeln fortfahren. Das ist bei meinem sehr persönlichen Vorgehen, wo so vieles nur auf meinem Gedächtnis beruht, nicht einfach möglich.
Eins fällt mir sehr auf: Ira Johan Lund erweckt den Eindruck, als sei er am Gelingen meines Stammbaums persönlich interessiert. Und so rät er: Verliere nie dein Ziel aus den Augen! Bedenke immer, was du erreichen möchtest, und konzipiere deine Forschung dementsprechend.
Das ist ein wichtiger Rat. Gerade auf einem so dilettantischen Gebiet wie der Genealogie wird man leicht von einer Tendenz fortgerissen, die sich zufällig auftut. Eigentlich ist eben alles neu, alles spannend. Guck mal hier! guck mal da! Aber so kann nichts Ganzes entstehen. Man verzettelt nicht nur seine Kräfte, sondern verliert auch den Durchblick. Davor kann auch das Programm nicht schützen, ist es doch selbst im besten Fall nur ein gut verknüpfter Zettelkasten. Die Linie, die Idee, die Deutung sind Sache des Forschers. Und das heißt vor allem: die Beschränkung der zahlreichen Möglichkeiten auf ein Ergebnis ist meine Sache.
Kann das Programm mir helfen, mich zu begrenzen? Seine Stereotypie erinnert mich vielleicht mehr als meine bunten Pläne daran, dass Daten nicht alles sind. Sein hölzerner Text zeigt mir, wie ungenießbar eine Biographie ohne Anteilnahme ist. Andererseits weiß ich ja, daß nur detailierte Kenntnisse eine Familiengeschichte sichern. Und daß nur der Nachweis, das die von mir beschriebene Person mein Vorfahr oder meine Vorfahrin ist, meinen Nachempfindungen ihres Lebens Interesse sichert. Denn weder ich noch meine Vorfahren sind bedeutend genug, dass meine Texte zu lesen sich lohnte. Daß die Schreibende und der Beschriebene aber verwandt sind - was immer Verwandtschaft sein mag - gibt den Worten jenen Hauch von Authentizität, den auch Briefe haben. Wie Briefe muss auch die Familiengeschichte weder Wissenschaft noch Kunst sein.
Ich habe mir das Programm gekauft. Ich arbeitete in letzter Zeit selten damit, da ich viel spannendere Arbeit habe: Geschichten schreiben. Aber es kommt auch wieder die Phase des Sammelns. Dann denke ich, wird es seinen Wert erweisen. Die beiden Kaufleute, die mit mir forschen, wundern sich, dass ich so unabhängig bin.
