Generation I: Unsere Eltern

Aus von Mering

GenerationenGeneration II: Unsere Großeltern

Eine Raupe war es. An einem Sommertag im Jahr des Herrn 1930 entdeckten ein Kölner Theologiestudent und eine schlesische Philologiestudentin im Garten des Griechisch-Dozenten Dr. Wysk an der Schwanenallee in Marburg eine Raupe. Die Wirkung war nachhaltig. Unser zukünftiger Vater Eberhard von Mering, mit seinen einundzwanzig Jahren an Naivität fast noch ein Kind, erheiterte sich, in für ihn zunächst unbegreiflicher Weise, daran, wie das „Fräulein Liebert“, das er, wie doch schon oft, im Garten getroffen hatte, sich vor der harmlosen Raupe grauste, die bei ihm nichts weiter als das Interesse des Hobby-Biologen auslöste. Damals, erzählte er ihr später, habe er sie zum ersten Mal entzückend gefunden. Unsere Mutter hat das Grausen vor Raupen in Zukunft als ihren Schlüssel zum Liebesglück sorgfältig gepflegt.

Eberhard von Mering war nach Marburg gekommen, weil er sich entschlossen hatte, Pfarrer zu werden. Seinen Traum vom Landwirtsberuf hatte er wegen fehlender Güter aufgeben müssen. Eine Dorfpfarre erschien ihm als möglicher Ersatz. In der damals berühmten theologischen Fakultät bei Bultmann und von Soden wollte er Theologie studieren. Dabei spielte auch eine Rolle, dass Dr. Wysk, sein Kölner Griechischlehrer, als Dozent nach Marburg gezogen war und ihm bei der Vermittlung des Wohnstipendiums im Duisberg-Haus behilflich sein konnte. Eberhard war sehr arm. Sein Vater, Carl von Mering, ein Bildhauer, hatte in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fast kein Einkommen. Großmutter und Tante trugen die Studienkosten des jungen Mannes, das übrige musste Eberhard sich durch Nachhilfestunden in Latein und Griechisch verdienen. So war er in den Garten des Dr. Wysk gelangt, dessen Söhne wegen des Schulwechsels von Köln nach Marburg Hilfe brauchten.

Ruth Liebert war in den Garten des Dr. Wysk gekommen, weil sie Lehrerin für Evangelische Religion werden wollte und ihr dazu das Graecum fehlte. Sie nahm bei dem jungen Dozenten Privatstunden. Nach Marburg war sie umgezogen, weil ihr Vater nach dem harten Winter 1928/29 aus Schlesien wegstrebte, obwohl er doch von beiden Eltern her echter Schlesier war. Aber Paul Liebert hatte als junger Offizier in Straßburg und Metz das milde Klima des Westens schätzen gelernt. Dazu kam auch ein ökonomischer Gesichtspunkt – ja, der war vielleicht doch die Hauptsache. Marburg galt als billig. Paul Liebert war seit 1920 Oberstleutnant a. D. und hatte zur Ernährung von Frau und zwei Töchtern nur eine schmale Pension. Seine ältere energische Tochter sollte sich zur Studienrätin bilden und später die zarte jüngere ernähren, die zur Haushaltsführung erzogen wurde. Eine Heirat der Töchter war im Plan des Vaters nicht vorgesehen.

Unsere Eltern verliebten sich ineinander, ohne Vorbereitung, ohne Aussichten. Sie waren fast gleichaltrig. Sie waren gute gehorsame Kinder, fromme Studenten der Theologie. Sie lebten sieben Jahre enthaltsam, meistens getrennt, bis sie am 17. August 1937 endlich heiraten konnten. Mein Vater soll gesagt haben, er hätte nicht gedacht, dass Sex so schön sei.

Die lange Wartezeit machten Briefe erträglich. Vom Herbst 1931 bis zum Januar 1937 schrieb jeder von ihnen zweimal die Woche: Am Mittwoch einen Brief, am Samstag eine Karte. Eine Ausnahme bildeten nur die kurzen Zeiten gegenseitiger Besuche. Die Briefe belegen die Sehnsucht, das Auf und Ab der Gefühle, die Bedingungen ihrer beider Ausbildung, die Beziehungen zu anderen Menschen und das Erwachsenwerden der Liebenden. Sie sind für uns ein erstaunliches Dokument.

Ruth Liebert legte, nachdem sie Ende 1933 ihre Verlobung bei ihrem Vater durchgesetzt hatte, im März 1934 ein Realschulexamen als Externe vor dem Schulamt in Kassel ab. Damit ersparte sie ihren Eltern weitere Ausbildungskosten, die in einer Ehe doch umsonst sein würden. Von 1934 bis 1935 blieb sie zu Hause. Von März 1935 bis zum September 1936 verdingte sie sich als Hauslehrerin in einer Pfarrersfamilie bei Nordhausen, weil sie den Eid auf den „Führer“ Hitler aus Gewissensgründen ablehnte. Gleichzeitig wollte sie sich dadurch auf ihren Beruf als Pfarrfrau vorbereiten. Ungeduldig wartete sie darauf, dass Eberhard sein Zweites Examen bestand.

Als Kölner gehörte Eberhard der Rheinischen Kirche an. Deshalb verbrachte er die letzten Semester in Bonn. Im März 1933 machte er in Koblenz sein Erstes Theologisches Examen. Die Vikarszeit von 1933 bis 1936 verbrachte er im  Westerwald. Dort fand er über die Gemeinschaftschristen zur Bekennenden Kirche. Auf Grund seiner theologischen Überzeugungen musste er den Ausbilder wechseln. Sein Zweites Examen legte er vor dem „Bruderrat“, dem Leitungsorgan der Bekennenden Kirche in Barmen ab. Beide Verlobten fragten sich bangend, ob Eberhard unter diesen Umständen je eine Pfarrstelle erhalten würde.

Durch die Rückkehr des Saarlandes zum Deutschen Reich hatte die Rheinische Kirche neuen Bedarf an Pfarrstellen. Zuerst waren die beiden Verlobten enttäuscht, dass Eberhard nach Saarbrücken in eine überregionale Stadttpfarrei der BK, das sogenannte „Büro Bleek“, versetzt wurde. Aber Ruth konnte bald nachkommen. Im November 1936 machte sie eine Zusatzausbildung bei der Frauenhilfe der Bekennenden Kirche in Essen. Von Januar 1937 bis zum Juli dieses Jahres wurde sie in Saarbrücken als Kursleiterin bei der Frauenhilfe eingestellt.

Im Juni 1937 wählte der tapfere Kirchenvorstand der Bekennenden Dorfgemeinde Heusweiler/Saar Eberhard von Mering zum Pfarrer. Zwar versagte die Rheinische Kirchenleitung ihre Zustimmung zur Wahl und sperrte das Pfarrhaus, aber die Gemeinde fand eine Mietwohnung im „Maurerhäuschen“. Unsere Eltern konnten heiraten, und wir drei Kinder konnten nach und nach geboren werden, das jüngste sogar im wieder eroberten Pfarrhaus.

Im Zweiten Weltkrieg wurde unser Vater eingezogen, einmal 1940, wonach er noch einmal freigestellt wurde, dann 1943 im April. Er fiel am 21. August 1944 bei Tartu, damals Dorpat genannt, in Estland. Die Ausbildung unserer Mutter erwies sich nun als keineswegs überflüssig. Bei der Suche nach einer Anstellung half ihr der Mann ihrer Schwester Ursula, der als Friese Pfarrer im Südoldenburger Land war. 1946 fing sie als Grundschullehrerin in Varenesch bei Goldenstedt an zu unterrichten. Als berufstätige Hausfrau hat sie uns aufgezogen.

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